Aktualisiert April 2026

GLP-1 und Schilddruesenkrebs:
Was ueber das Risiko bekannt ist

Medulleres Karzinom bei Ratten, Uebertragbarkeit auf den Menschen, MEN2-Kontraindikation und die Position von BfArM und EMA.

Der Hintergrund: Tierversuche und C-Zellen

Seit der Einfuehrung der ersten GLP-1-Rezeptoragonisten begleitet ein Sicherheitsthema die gesamte Wirkstoffklasse: In praeklinischen Tierversuchen entwickelten Ratten und Maeuse unter GLP-1-Agonisten vermehrt C-Zell-Tumoren der Schilddruese, einschliesslich des medullaren Schilddruesenkarzinoms (MTC). Dieses Ergebnis fuehrte zu einem Warnhinweis in den Fachinformationen aller GLP-1-RA und zu einer Kontraindikation bei Risikopatienten.

Fuer Patienten, die Ozempic, Wegovy oder Mounjaro einnehmen oder erwaegen, ist es wichtig, dieses Thema sachlich und im Kontext zu verstehen.

Was sind C-Zellen und medullares Schilddruesenkarzinom?

Die Schilddruese enthaelt zwei Haupttypen von Zellen: Follikelzellen, die Schilddruesenhormone (T3, T4) produzieren, und C-Zellen (parafollikulaere Zellen), die Calcitonin bilden. C-Zellen machen beim Menschen nur etwa 1 Prozent der Schilddruesenzellen aus.

Das medullare Schilddruesenkarzinom (MTC) geht von den C-Zellen aus. Es macht etwa 3 bis 5 Prozent aller Schilddruesenkarzinome aus und ist damit selten. Etwa 75 Prozent der MTC-Faelle treten sporadisch auf, 25 Prozent sind erblich bedingt im Rahmen des MEN2-Syndroms (Multiple Endokrine Neoplasie Typ 2).

Haeufigkeit: Das medullare Schilddruesenkarzinom hat in Deutschland eine Inzidenz von etwa 0,2 pro 100.000 Einwohner pro Jahr. Es ist deutlich seltener als das papillaere (70 Prozent aller Schilddruesen-Ca) oder follikulaere Schilddruesenkarzinom (15 Prozent).

Tierexperimentelle Befunde

In den praeklinischen Studien zu Liraglutid (Victoza/Saxenda) und spaeter zu Semaglutid wurden folgende Beobachtungen gemacht:

Warum Ratten, aber nicht Affen?

Der entscheidende Unterschied liegt in der GLP-1-Rezeptordichte auf den C-Zellen:

Spezies GLP-1-Rezeptoren auf C-Zellen C-Zell-Tumoren unter GLP-1-RA
Ratte Hohe Dichte, stark exprimiert Ja, dosisabhaengig
Maus Moderate Dichte Ja, weniger ausgepraegt
Affe Sehr geringe Dichte Nein
Mensch Sehr geringe bis nicht nachweisbare Dichte Bisher nicht beobachtet
Kernpunkt: Menschliche C-Zellen exprimieren GLP-1-Rezeptoren entweder gar nicht oder in so geringer Dichte, dass eine klinisch relevante Stimulation durch therapeutische Dosen als sehr unwahrscheinlich gilt. Die Rattenbefunde lassen sich nach aktuellem Wissen nicht direkt auf den Menschen uebertragen.

Was zeigen die Daten beim Menschen?

Die Sicherheitsdaten aus klinischen Studien und Post-Marketing-Ueberwachung umfassen inzwischen ueber 100.000 Patientenjahre:

MEN2: Absolute Kontraindikation

Trotz der beruhigenden Daten beim Menschen bleibt eine klare Kontraindikation bestehen:

Kontraindikation: GLP-1-Rezeptoragonisten duerfen NICHT eingenommen werden bei: persoenlicher Vorgeschichte eines medullaren Schilddruesenkarzinoms (MTC), familiaerer Vorgeschichte eines MTC und bekanntem MEN2-Syndrom (Multiple Endokrine Neoplasie Typ 2). Diese Kontraindikation gilt als Vorsichtsmassnahme und steht in den EMA-Fachinformationen aller GLP-1-RA.

Was ist MEN2?

MEN2 ist ein seltenes autosomal-dominantes Syndrom, verursacht durch Mutationen im RET-Protoonkogen. Es fuehrt zu:

MEN2 betrifft in Deutschland etwa 1 von 30.000 bis 35.000 Menschen. Betroffene Familien sollten genetisch beraten und durch ein spezialisiertes endokrines Zentrum betreut werden.

BfArM- und EMA-Position

Sowohl das BfArM (Bundesinstitut fuer Arzneimittel und Medizinprodukte) als auch die EMA (European Medicines Agency) haben das Thema mehrfach bewertet:

Worauf sollten Patienten achten?

Auch wenn das Risiko als gering eingestuft wird, gibt es Symptome, die immer aerztlich abgeklaert werden sollten:

Wichtig: Diese Symptome koennen viele Ursachen haben und sind in der Regel harmlos. Sie sind kein Grund zur Panik, sollten aber zeitnah aerztlich abgeklaert werden, insbesondere wenn sie neu auftreten und laenger als 2 bis 3 Wochen bestehen.

Schilddruese und GLP-1: Weitere Aspekte

Hypothyreose unter GLP-1-Therapie

Unabhaengig vom MTC-Thema berichten einige Patienten unter GLP-1-Therapie ueber Veraenderungen der Schilddruesenfunktion. Eine Hypothyreose (Schilddruesenunterfunktion) kann bei starkem Gewichtsverlust auftreten, da sich der Stoffwechsel umstellt. Patienten mit bestehender Hypothyreose und Levothyroxin-Therapie sollten ihre Schilddruesenwerte nach Beginn einer GLP-1-Behandlung kontrollieren lassen.

Autoimmun-Thyreoiditis (Hashimoto)

Es gibt keine Hinweise, dass GLP-1-Agonisten eine Hashimoto-Thyreoiditis ausloesen oder verschlechtern. Patienten mit Hashimoto koennen in der Regel GLP-1-RA einnehmen, sofern keine MEN2-relevante Familiengeschichte vorliegt.

Haeufig gestellte Fragen

Verursachen GLP-1-Agonisten Schilddruesenkrebs?

Bei Ratten ja, beim Menschen wurde bisher kein erhoehtes Risiko nachgewiesen. Der Unterschied liegt in der GLP-1-Rezeptordichte auf den C-Zellen, die bei Nagetieren deutlich hoeher ist als beim Menschen. Mehr zu den Nebenwirkungen von GLP-1-Agonisten.

Was ist MEN2 und warum duerfen Betroffene keine GLP-1-Agonisten nehmen?

MEN2 ist ein seltenes erbliches Syndrom mit fast 100-prozentiger Penetranz fuer medullaeres Schilddruesenkarzinom. Da GLP-1-Agonisten theoretisch C-Zellen stimulieren koennten, sind sie bei MEN2-Patienten kontraindiziert.

Was sagen BfArM und EMA zum Schilddruesenkrebs-Risiko?

Beide Behoerden stufen das Risiko als gering ein, halten aber die Kontraindikation bei MEN2 aufrecht. Ein routinemaessiges Screening wird nicht empfohlen.

Muss man unter GLP-1-Therapie die Schilddruese regelmaessig untersuchen lassen?

Ein spezifisches Screening wird nicht empfohlen. Achten Sie aber auf Symptome wie Knoten, Heiserkeit oder Schluckbeschwerden und lassen Sie diese aerztlich abklaeren.

Gilt das Risiko fuer alle GLP-1-Agonisten gleich?

Ja, es handelt sich um einen Klasseneffekt. Die Kontraindikation bei MEN2 steht in den Fachinformationen von Ozempic, Wegovy, Mounjaro, Trulicity und allen weiteren GLP-1-RA.